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Archive für 10.11.2006

Essen ist Sünde

Früher hatten viele Schuldgefühle wegen ihrer Sexualität. Sie fühlten sich schuldig, weil sie

  • onaniert,
  • ans Onanieren gedacht,
  • feuchte Träume,
  • Sex vor der Ehe,
  • außerhalb der Ehe,
  • als Zölibatäre,
  • oder mit Partnern des eigenen Geschlechts hatten,
  • und sei es auch nur in den Gedanken.

Fromme Damen und Herren hämmerten den Menschen diese Schuldgefühle von Kindheit an ein.

Dann sprachen sie: “Ihr werdet nur Vergebung finden für eure Sünden, wenn Ihr euch zum wahren Glauben bekehrt und euch Gott unterwerft sowie dessen Stellvertretern auf Erden, also uns, seinen Priestern und Dienerinnen.”

Heute haben sich die sexuellen Sitten gelockert. Darum ist es nicht mehr so einfach, Menschen mit sexuellen Schuldgefühlen zu manipulieren.

Heute haben viele Menschen Schuldgefühle wegen der Ernährung, weil sie

  • zuviel,
  • das Falsche,
  • Gekochtes,
  • Ungekochtes,
  • Fleisch,
  • bestimmte Pflanzen gegessen haben oder weil sie
  • zu dick,
  • zu dünn sind,
  • einen zu großen Po oder
  • Rettungsringe haben usw. usw.

Wohlmeinende Damen und Herren hämmern den Menschen diese Schuldgefühle von Kindheit an ein.

Dann sprechen sie: “Ihr werdet nur gesunden an Körper und Geist, wenn ihr euch zu unserer reinen Ernährungslehre bekehrt und euch zu unserem geistigen Führer bekennt, dessen Stellvertreter vor Ort seine ergebenen Ernährungsberater, also wir sind.”

Durch die Manipulation der Grundbedürfnisse kann man einen Menschen versklaven, ganz gleich, ob es sich da um Sex oder ums Essen und Trinken handelt. Weil diese Bedürfnisse im Alltag immer wieder befriedigt werden wollen und weil dadurch die entsprechenden Schuldgefühle immer wieder auftauchen, werden auch die dazu passenden Heilsbotschaften stets aufs Neue verstärkt. Sie werden selbst zum Bestandteil des Alltags und daher auch nicht mehr als Anmaßungen einer aufgezwungenen, fremden Moral, sondern als innere Stimme erlebt.

Früher glaubten die Menschen, der Teufel wolle sie zu ungezügelter Geschlechtslust verführen. Heute glauben die Ernährungsknechte, die Marketingsstrategen der Fleischindustrie wollten ihnen vergiftetes Fleisch von gequälten Tieren schmackhaft machen. Die Psycho-Logik ist immer dieselbe.

Ist es dann völlig unsinnig, sich gesund zu ernähren oder gar im Bioladen einzukaufen? Ich persönlich kaufe nie im Bioladen ein. Muss ich auch nicht. Warum? Ich bin - nebenher - im Bio-Fachmarkt meiner Frau für Werbung, PR und EDV zuständig. Bei uns kommt ohnehin nur Bio auf den Tisch.

Ich esse Bio mit Begeisterung. Und ich trinke auch Bio mit Begeisterung. Nicht etwa aus Gesundheitsgründen. Für Gesundheit oder Krankheit ist eine Vielzahl von Faktoren zuständig (z. B. Erbanlagen, Umwelt, Stress, Missbrauch von Genussmitteln etc.). Die Ernährung spielt im Ursachenbündel von Krankheiten nur eine sehr untergeordnete Rolle. Dennoch esse und trinke ich Bio mit Begeisterung. Nicht etwa aus Gründen des Umweltschutzes. Schließlich fahre ich kein Auto und habe auch keine eigene Fabrik. Ein bisschen Umweltverschmutzung und -belastung hätte ich also schon gut.

Ich esse und trinke Bio wegen des guten Gefühls. Und zwar reichlich. Ich werde nicht etwa schlank davon, im Gegenteil, denn dafür schmeckt es einfach zu gut. Es macht mich glücklich. Ich koche gern. Ich will kein Gammelfleisch braten und es mit Gemüse garnieren, das in Pestiziden gebadet wurde. Ich will mit guten Gefühlen genießen.

Worauf kommt es an? Essen und Trinken sollen Spaß machen, uneingeschränkt Spaß machen. Das schlechte Gewissen soll keine Rolle dabei spielen, ob wir etwas zu uns nehmen oder nicht. Ich will mich froh und hoffnungsvoll an den Tisch setzen und hinterher satt und zufrieden das Geschirr abräumen. Das ist alles.

Mein Rat: Essen oder trinken Sie nie etwas, verzichten sie nie auf etwas, um ein schlechtes Gewissen zu vermeiden. Streben sie ein gutes Gefühl an. Das führt, unterm Strich, alleweile zu den besten Ergebnissen in Sachen Gesundheit, Schlankheit, Lebensfreude und Langlebigkeit.

Verwandtes Thema: Ernährungsfragen in der Psychotherapie

Gesunde Ernährung

haselnuesse.gifGute Mütter geben ihren Kindern keine Haselnüsse. Neulich war Tante Emmi zu Besuch. Tante Emmi hat erzählt, sie sei beim Arzt gewesen, da habe ein Gesundheitsmagazin gelegen von so einem Gesundheitsverband und da habe drin gestanden, dass Haselnüsse einen Stoff enthielten, der das kindliche Wachstum verzögere. Nein, kein Scherz. Darum würden die Mütter in Urvölkern ihren Kindern auch keine Haselnüsse geben. Das sei ein Urinstinkt. In vielen Naturreligionen seien Haselnüsse sowieso Tabu. Nicht nur für Kinder. Das finde sie, Tante Emmi, allerdings etwas übertrieben. Wenn es doch nur den Kindern schade. Es ist heutzutage gar nicht so einfach, eine gute Mutter zu sein. Gute Mütter geben ihren Kindern zum Beispiel keine Bonbons mit Fabrikzucker. Oder gar Fleisch. Fleisch, sage ich ihnen, muss man seinen Kindern nun wirklich nicht geben. Bei der Kartoffel muss man freilich auch aufpassen. Da steckt die Kraft der Erdgeister drin. Das macht anfällig für Erkältungen. Vielleicht ist es einfacher, man hat erst gar keine Kinder. Andererseits: Verhütung!? Verhütung ist auch nicht gut für den Energiefluss. Ying und Yang, sage ich nur. Nee, nee. Da ist es vielleicht besser, man hat erst gar keinen Geschlechtsverkehr. Der macht einem auch bloß Appetit auf Fleisch. Es ist wirklich zum Verzweifeln. Wie man’s macht, ist es falsch. Vielleicht ist es am besten, man hat erst gar keine Gurus…

Integration multipler Persönlichkeiten

mask.gifMultiple: Integration oder nicht? In einer Debatte im Usenet wurde mir die Frage gestellt, warum denn die Persönlichkeiten bei einer Multiplen Persönlichkeitsstörung integriert werden müssten, wenn doch die Persönlichkeiten normal miteinander leben könnten.

Meine Antwort: Dies ist eine auch in der sog. Fachwelt umstrittene Frage. So, wie Du diese Frage formulierst, kann man sie eigentlich nur verneinen: Nein, zweifellos müssen die Persönlichkeiten einer multiplen Persönlichkeit nicht integriert werden, wenn diese Persönlichkeiten normal miteinander leben können.

Doch hier stellen sich dann sofort mindestens zwei Anschlussfragen: Was heißt “Persönlichkeit” im System einer multiplen Persönlichkeit? Und was heißt “normal miteinander leben” in diesem System?

Die Persönlichkeiten, die in einer multiplen Persönlichkeit unter einer Schädeldecke wohnen, sind ja keine natürlichen Persönlichkeiten. Es sind vielmehr Persönlichkeitsfragmente, die unter dem Druck eines übermächtigen Traumas vom betroffenen Individuum geschaffen wurden, um das Trauma psychisch zu überleben und zu verarbeiten.

Im Augenblick des Traumas war dies die subjektiv einzige Möglichkeit der Bewältigung. Bei einer multiplen Persönlichkeit besteht die Spaltung jedoch fort, nachdem das Trauma selbst lange vorüber und die Gefahr gebannt ist. Dies bedeutet, dass die so entstandene Multiplizität (Vielfalt der Persönlichkeitsfragmente) keinen Beitrag mehr zur Lebensbewältigung leistet und eher hinderlich wird.

Denn das einzelne Persönlichkeitsfragment verhält und erlebt sich vielleicht so, als ob es eine ganze, voll ausgereifte Persönlichkeit sei - aber seine Entstehung zeigt doch, dass es sich dabei nur um eine sehr enge Anpassung an eine spezifische Bedrohung handelt.

Daher erscheint es mir sinnvoll, wenn Betroffene zunächst eine Integration, eine Verschmelzung der Fragmentpersönlichkeiten anstreben. Die Frage ist allerdings, ob dies immer von Erfolg gekrönt sein wird.

Wenn zum Beispiel die Persönlichkeitsspaltung von “Fachleuten” absichtlich herbeigeführt wurde, wie dies beim sog. satanisch rituellen Missbrauch der Fall ist, dann ist es mitunter zum Verzweifeln schwierig, den betroffenen Menschen zu integrieren. Denn die Täter bauen systematische Sicherungen ein, die diese Integration verhindern sollen. Und die Abrichtung der künstlichen multiplen Persönlichkeit erfolgt über viele Jahre und mit den brutalsten sowie zugleich psychologisch raffiniertesten bzw. wissenschaftlich fundierten Mitteln.

Diese Satanisten verfügen über das Wissen hochkarätiger Psychiater und Psychologen. Sie sind auch gute Öffentlichkeitsarbeiter, denen es gelingt, viele Mitmenschen davon zu überzeugen, dass es sie gar nicht gäbe.

Wie auch immer. Wenn eine volle Integration nicht als realistisches Ziel betrachtet werden kann, bedeutet dies natürlich nicht, dass jede weitere psycho- bzw. soziotherapeutische Bemühung fruchtlos wäre. Im Gegenteil. Sie ist in diesem Fällen umso wichtiger und lohnender. Denn hier ist jeder Versuch, die Persönlichkeitsfragmente einander anzunähern und evtl. bestehende amnestische Barrieren (Gedächtnisstörungen) zwischen ihnen aufzuheben, an sich wertvoll und ein, vielleicht kleiner, Schritt eines mitunter jahrelangen Prozesses der Befreiung eines Menschen aus der Umklammerung durch Traumata, aus der Versklavung an die Vergangenheit.

Der Jargon der Streber

Begriffe wie”Sozialkompetenz”, “Unternehmenskultur”, “Vernetzung”, “Corporate Identity etc. etc. sind “Duftmarken”. Sie werden von Leuten gesetzt, die beanspruchen, Führungskräfte zu sein. Sie haben keinen philosophischen, psychologischen oder sonstwie wissenschaftlichen Sinn, sondern nur eine soziale, hierarchische Funktion. Hart formuliert sind sie mit dem Sch****haufen zu vergleichen, den ein Kater an exponierter Stelle hinterlässt, während die untergeordneten Katzen ihre Notdurft verscharren müssen. Daher spricht natürlich auch kein kleiner Angestellter oder Arbeiter von “Corporate Identity”, “Paradigmenwechsel” usw., es sei denn, er wolle bei Fremden in Kneipen den Eindruck erwecken, eine “Führungskraft” zu sein. Die arrivierten “Alten Hasen” im Geschäft schmunzeln natürlich insgeheim über das Kauderwelsch der jungen Streber - bestehen aber dennoch auf diesem Jargon, weil er bedingungslose Anpassung bis in die feinsten Verästelungen der Psyche signalisiert.

Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologen, die ihr Handwerk verstehen und ihre Profession ernst nehmen und lieben, werden den Gebrauch dieser Worthülsen allerdings nicht fördern. Ihr Job besteht ja gerade darin, das Sozialverhalten in Hierarchien auf über das z. B. unter Katzen Übliche hinaus zu entwickeln.

By the way: Nach meiner Beobachtung steigt der Gebrauch dieser Duftmarken, wenn das Unternehmen absteigt.

Mir klingelt die Frage im Ohr, warum Chefs in Stellenanzeigen die “Sozialkompetenz” zu den erwünschten Eigenschaften zählen, wenn sie doch angeblich zu den Begriffen zählt, die gestandene Unternehmer für Geschwätz halten. In Stellenanzeigen handelt es sich einfach um die politisch korrekte Formulierung eines persönlichen Merkmals, das in Deutschland immer noch eine wesentlich größere Rolle spielt als anderswo, nämlich die soziale Herkunft. Auf deutsch bedeutet “Sozialkompetenz” in Stellenanzeigen: Der Bewerber sollte mindestens aus der gehobenen Mittelschicht stammen.

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