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November 2006
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Archive für 5.11.2006

Gott definieren

Der Tag ist trüb, grau; es nieselt. Kaum über null. Die Laune ist schlecht. Eine alte Dame füttert am Ufer Federvieh. Ich kicke gegen eine Zigarettenschachtel, die auf dem Seeweg liegt. Sie bleibt auf dem nassen Untergrund kleben. Gott spricht zu mir. Er näselt und schnarrt wie ein pensionierter, wilhelminischer General: “Eine echte Prüfung, der Tag heute, nicht wahr!”

“Wie wahr! Ist das etwa Dein Werk?”

“Natürlich nicht. Wettermäßig sind mir die Hände gebunden.”

“Also bist Du nicht allmächtig?”

“Willst Du mich auf den Arm nehmen? Ich, allmächtig? Ich bin Gott!”

“Die Theologen sagen aber, dass Gott allmächtig sei!”

Ein Rabe krächzt. Ein Jogger schaut mich im Vorüberlaufen stirnrunzelnd an.

“Das müssen sie sagen, die Theologen. Die Religion ist schwer zu verkaufen. Viel Verpackung, kaum Inhalt, und meist ziemlich teuer. Eine echte Herausforderung für jeden Werbetreibenden.”

“Ja und?”

“Darum übertreiben sie. Schamlos übertreiben sie: Allmächtig, allgegenwärtig, allwissend, allgütig. Ne ganze Latte an unmöglichen Eigenschaften. Gott sei Dank bin ich Gott und komme ohne all das aus!”

“Dann bist Du vermutlich auch nicht der Weltenschöpfer?”

“Sehe ich so aus? Glaub mir, die Welt ist nicht mein Werk - zumal ich ja auch die Arbeit nicht erfunden habe. Das wäre mir alles viel zu mühselig. Welten erschaffen! Pah. Und - schau Dir die Welt doch an. Die wäre der Mühe nicht wert gewesen!”

Der Regen wird stärker. Beim Öffnen des Regenschirms löst sich eine Speiche. Der Schirm lässt linksseitig einen Flügel hängen.

“Mist auch!”

“Auch dafür kann ich nichts, wenn Du das schon wieder meinen solltest!” schnarrt Gott.

“Wofür kannst Du denn überhaupt etwas? Äh, ich meine: Wozu bist Du gut?”

“Was heißt schon gut oder schlecht. Dazu braucht man Vergleichsmaßstäbe. Aber mich gib’s nur einmal! Also kannst Du solche Wertungen gar nicht auf mich anwenden.”

“Aber immerhin existierst Du!”

“Was ist das: Existieren?”

“Hm, gar nicht so einfach.”

Ich überlege einen Augenblick. “Zu einem bestimmten Augenblick an einem bestimmten Ort sein.”

“Na siehst Du. Also existiere ich noch nicht einmal. Ich habe keine Position in Raum und Zeit.”

Und dann schweigt Gott. So sehr ich ihn auch rufe, er antwortet mir nicht mehr. Im Grunde hat er recht. Es ist alles gesagt.

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