Sie befinden sich aktuell in den Blaue Augen Blog-Archiven für den folgenden Tag 22.10.2006.
22.10.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Psychotherapie und die Behandlung mit Psychopharmaka sind kaschierte Formen der Selbstheilung. Kaschiert sind sie, weil den Psychotherapeuten bzw. den Psychopharmaka eine ursächliche Wirkung auf den Heilungsprozess zugeschrieben wird. Dies ist jedoch nicht der Fall. Keine Pille und auch keine psychotherapeutische Methode wirken kausal. Die eigene Seele kann man nur selbst verändern.
Warum aber sind dann Psychotherapie und Psychopharmaka (etwas) effektiver als Placebos oder keine Behandlung? Zunächst einmal sollte man bedenken, dass die Wirkung von Psychotherapie und Psychopharmaka zum größten Teil auf dem Placebo-Effekt beruht. Es bleibt aber eine Restwirkung, klein zwar, aber statistisch signifikant, die nicht mit dem Placeboeffekt erklärt werden kann.
Dieser kleine Rest ist aber auch nicht die Folge der psychotherapeutischen Kunst oder spezischer Methoden. Sie ist auch nicht das Ergebnis der bewusstseinsverändernden Wirkung von Psychopharmaka. Letztere ist zwar vorhanden, aber sehr unspezifisch. Dieser kleine Rest ist die Folge des Glaubens der Psychotherapeuten oder Psychiater an ihre Methode oder ihr Mittel. Die Begeisterung, die Heilsgewissheit, die Überzeugungskraft überträgt sich auf den Patienten oder Klienten. Doch der Patient muss auch offen dafür sein, er muss die Begeisterung des Helfers in eine eigene seelische Kraftquelle umwandeln. Fazit: Der Heiler ist der Patient. Leider kaschiert die Sprache des medizinischen Modells diesen offenkundigen Sachverhalt.
Die Überzeugung von der Wirksamkeit eines Medikaments kann ein Arzt in einer Doppel-Blind-Studie natürlich nicht entwickeln, denn er weiß ja, dass er an einem Placebo-Experiment teilnimmt und möglicherweise die Zuckerpille verschreibt.
In einer psychotherapeutischen Placebo-Studie ist die Sache noch etwas verwickelter. Diese kann ja nicht doppelblind sein. Der Psychotherapeut weiß also, ob er eine Placebo-Therapie anwendet oder nicht. Falls es sich um eine Placebo-Therapie handelt, wird sich seine Begeisterung in Grenzen halten.
Aus diesem Grunde sind Psychotherapien immer effektiver als Placebo-Therapien. Das ist gleichsam eingebaut. Demgegenüber kann sich ein Medikament durchaus als nicht wirksamer als ein Placebo erweisen - in einer Doppelblind-Studie. In der Praxis aber, wenn der Doktor glaubt, ein wirksames Medikament zu verschreiben, sieht die Sache schon wieder anders aus. Dasselbe Medikament, dass sich in einer Studie als gleich wirksam wie ein Placebo herausgestellt hat, wäre in der realen Behandlungssituation, kraft Begeisterung des Arztes, dann doch effektiver als ein Placebo.
Geschrieben in Psychotherapie, Psychopharmaka | Drucken | 1 Kommentar »