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Archive für 17.10.2006

Seele oder Psyche

Die Beziehung zwischen der menschlichen Umwelt und dem menschlichen Verhalten vermittelt ein Faktor X. Diesen Faktor kann man sich als Blackbox vorstellen, als Schwarzen Kasten. In diesen Schwarzen Kasten kann man auch nicht mit Brainscans hineinschauen, denn diese bilden nur einen Schwarzen Kasten im Schwarzen Kasten ab. Im Laufe der Jahrtausende haben die Menschen allerlei Kosenamen für die Blackbox gefunden, z. B. Seele oder Psyche. Dabei handelt es sich um Hypothetische Konstrukte, weil die Annahmen über den Inhalt des Schwarzen Kastens stets weit über das hinausgehen, was sich aus den Beobachtungsdaten ableiten lässt. Die wissenschaftliche, empirische Psychologie verwendet daher den Begriff “Psyche” nur ungern, der Behaviorismus verwarf ihn vollständig. Die kognitive Psychologie hat allerlei Modelle zu den Vorgängen im Schwarzen Kasten entwickelt, die sich mehr oder weniger gut empirisch überprüfen lassen. Das geht so: Man leitet aus dem Modell Annahmen für beobachtetes Verhalten ab, das sich unter definierten Bedingungen zeigen müsste, wenn das Modell richtig ist. Zeigen sie sich aber nicht, dann müsste das Modell eigentlich verworfen oder modifiziert werden. Eines der ältesten Modelle dieser Art wurde von Miller, Galanter und Pribram in “Plans and Structure of Behavior” entworfen. Das Erscheinen dieses Buches gilt als die Geburtsstunde der Kognitiven Psychologie. Das hier vorgeschlagene Modell ist eine Computer-Analogie. Pläne intervenieren zwischen Reizen und Reaktionen - und diese Pläne sind algorithmisch. Die Mainstream-Psychologie verwendet den Begriff der Seele überhaupt nicht. Die Gründe dafür sind irrational und forschungspolitisch. Wenn wir vom theologischen Gebrauch dieses Begriffs einmal absehen, so bezeichnet die Seele die Gesamtheit der Geschichten, die ein Individuum sich und anderen über sich selbst und seine besondere Sicht der Welt erzählt. Werden diese Geschichten gedeutet, dann kommt man zur hermeneutischen Psychologie, die unter dem Einfluss des Behaviorismus und seiner scientistischen Nachfolger lange Zeit ein akademisches Schattendasein führte. Die Unzufriedenheit mit dem Computer-Modell und seiner neuropsychologischen Ableger führt allerdings neuerdings wieder zu einem wachsenden Interesse an der Seele in der Psychologie. Qualitative Forschungsmethoden, die Widergeburt der Introspektion und die Entwicklungen der sog. narrativen Psychologie zeugen davon. Wir haben auf der einen Seite den psychologischen Mainstream, der heute neuro-psycho-biologisch ausgerichtet ist, in dem Psychophysiologie, Psychologie und Genetik zusammenfließen. Auf der anderen Seite aber wächst das Unbehagen mit Ansätzen, die in der Blackbox nur algorithmische Prozesse verorten. Das eigentlich Menschliche, so meinen diese Kritiker, seine Kreativität, seine Individualität, seine Subjektivität würde durch diese Sichtweise ins Dunkle des Kastens verfehlt. Ich verwende die Begriffe Seele und Psyche sparsam, wohl wissend, dass es sich dabei um Fiktionen handelt, um Fiktionen aber, die als Kürzel hilfreich sind. Die Position, dass die Psyche den Gegenstand der wissenschaftlichen Psychologie bezeichne, wohingegen die Seele der Parawissenschaft zugeordnet sei, halte ich für falsch - sie zeugt wohl von der unzulänglichen Kenntnis dessen, was im Bereich der wissenschaftlichen Psychologie so alles abläuft zur Zeit. Das Bedürfnis, alles säuberlich in Schubladen zu packen, verstehe ich gut. Ordnung muss sein. Aber man muss aufpassen. Man sollte zu Großes nicht gewaltsam hineinpressen, sonst gehen entweder das Große oder die Schublade kaputt.

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