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16.10.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Wir müssen alle lernen, besser zu “mentalisieren” - um einen Begriff des britischen Psychoanalytikers Peter Fonagy zu verwenden. Mentalisieren bedeutet, mentale Zustände wahrzunehmen und zu kommunizieren. Mentale Zustände sind z. B. Gefühle, Stimmungen, Absichten, Wünsche, Ziele, Gedankengänge usw. Dazu bedarf es einer Offenheit nicht nur gegenüber eigenen, sondern auch fremden mentalen Zuständen.
Wer auf der Ebene von “Kürzeln” kommuniziert (”Du Schwein”), wird schnell aggressiv (”"Ich hau dir in die Fresse!”). So geht das auch mit psychiatrischen Begriffen (”Du schizophren!” - “Du gehörst weggesperrt!”).
Unsere Kultur ist schwach im Mentalisieren - und sie wird immer schlechter. Das ist nicht in erster Linie eine Frage der Intelligenz. Das ist das Ergebnis einer im Kern brüchigen Identität.
Die meisten Menschen werden in unserer Kultur nämlich von Kindesbeinen an dazu abgerichtet, ihr eigenes Selbstwertgefühl von Urteil anderer abhängig zu machen. So werden gute Konsumenten und Arbeitstiere dressiert. Da aber Gefühle dem Denken die Richtung geben, sieht das Selbstbewusstsein entsprechend aus.
Die mentalen Zustände bestehen demgemäß überwiegend aus Schablonen, die von außen zugeführt werden. Die Quelle des Selbst wird so vergiftet. Mentalisieren erübrigt sich so gewissermaßen, weil das Selbst, der Organisator aller mentalen Zustände, von außen definiert wird - und zwar, wie die Erfahrung lehrt - weitgehend willkürlich.
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