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Amoklauf in Winnenden

Nun wird wieder gerätselt über die Motive des Amokläufers in Winnenden, über Ursachen und die Möglichkeiten der Prävention. Die üblichen Verdächtigen werden verhaftet: Computerspiele, Mobbing, Verfügbarkeit von Waffen, unfähige Lehrer, zu wenig Schulpsychologen usw.

Man könnte diese Liste nach  Belieben verlängern, ohne dass man aus diesen Mosaiksteinen ein stimmiges Bild zusammensetzen könnte. Leider sind Psychologie und Psychiatrie heute dem Neuro-Wahn verfallen und an psychologisch stimmigen Bildern nicht mehr interessiert. Man möchte wissen, an welchen Signalen man im “Vorfeld” potenzielle Amokläufer erkennen könne - als ob der Mensch ein Motor sei, bei dem verdächtige Geräusche verraten, dass etwas nicht stimmt mit ihm.

Das Problem mit diesem Ansatz besteht darin, dass die Signale in aller Regel nicht eindeutig sind und so die Gefahr der Fehleinschätzung recht groß ist. Man muss sogar damit rechnen, dass junge Menschen, die aufgrund solcher “Signale” als potenzielle Amokläufer identifiziert werden, im Sinne der Etikettierungstheorie erst zu dem gemacht werden, was man mit diesem Ansatz eigentlich vermeiden will.

Ich rate dazu, bei seltenen Ereignisse nicht zu fragen, welche Ursachen ihnen zugrunde liegen, sondern darüber nachzudenken, warum sie so selten sind. Warum beginnt der Unterricht heutzutage nicht üblicherweise mit einem Schusswechsel?

Dies klingt natürlich zynisch. Dennoch ist die Frage legitim. Denn von all den heute diskutierten Gründen für den Amoklauf sind eine Unzahl von Schülern betroffen - und nur eine winzige Minderheit wird zum Täter.

Außerdem sind Menschen niemals Monster, selbst wenn sie fürchterliche Dinge tun - auch Amokläufer sind Menschen wie du und ich. Darum empfehle ich bei Fragen wie diesen auch, darüber nachzudenken, unter welchen Bedingungen vergleichbare Verhaltensweisen normal sind und darum auch gehäuft auftreten. Als der 1. Weltkrieg ausbrach, eilten Zehntausende junger Menschen im Alter des Amokläufers von Winnenden zu den Fahnen, um sich auf dem Felde der Ehre zu bewähren. Sie nahmen dabei ihren Tod billigend in Kauf, ja, manche ersehnten den Heldentod sogar.

Dieser Vergleich mag makaber klingen, aber man sollte sich von diesem Klang nicht abschrecken lassen, die Sache entlang dieser Argumentationslinie weiter zu verfolgen. Man könnte fündig werden. Der Krieg ist kein Computerspiel - sondern ein menschliches Unternehmen, bei dem zwei Parteien versuchen, sich gegenseitig umzubringen, und zwar nicht nur virtuell, sondern ganz real. Die jungen Männer, die damals an die Front drängten, waren nicht durch Computerspiele verdorben. Die gab es damals noch nicht.

Die jungen Frontkämpfer des 1. Weltkriegs trugen natürlich die Liebe zu Deutschland im Herzen und waren erfüllt von nationalistischer Ideologie. Und selbstverständlich waren sie hoch erfreut, die Langeweile und Spießigkeit des kaiserlichen Deutschlands zu entkommen. Das Abenteuer lockte. Doch was erklärt das? Recht wenig. Ein Krieg ist nicht wie Rafting oder Bergsteigen.

Hier geht es ums Ganze. Auch beim “School Shooting” geht es ums Ganze. Ums Ganze des eigenen Lebens, des eigenen Daseins. Der Mensch ist kein Ding unter Dingen, sondern ein Ding, das gegenüber allen anderen Dingen ausgezeichnet ist. Der Mensch unterliegt dem existenziellen Zwang, sein Selbst und den Sinn seines Daseins zu bestimmen. Er bestimmt ihn durch Geschichten über sich selbst und seine Welt. Doch er kann sich nicht selbst beschreiben in diesen Geschichten wie er andere Dinge in Geschichten beschreiben könnte. Er muss in seinen Geschichten existieren. Existierend muss er sich der Wahrheit seiner Geschichten selbst vergewissern. Nur so kann er seinem Dasein einen Sinn geben.

Um sich existierend der Wahrheit seiner Geschichten über sich selbst gewahr zu werden, braucht der Mensch Gipfelerfahrungen. Gipfelerfahrungen sind weit über dem Alltag stehende, intensierte Erfahrungen, in denen die grundlegenden Fundamente des Daseins in einer nicht nur intellektuellen Weise erfasst werden. Sie durchdringen uns gleichsam von den Zehen- bis in die Haarspitzen. Es gibt Gipfelerfahrungen des Mutes und der Angst, der Liebe und des Hasses.

Gerade jungen Menschen suchen Gipfelerfahrungen, weil sie in ihrer Erwicklung zum Erwachsenen eine Folge existenzieller Krisen durchlaufen und durchlaufen müssen, in denen sie gezwungen sind, den Sinn ihres Daseins und den Inhalt ihres Selbsts immer wieder neu zu bestimmen. Zehntausende junger Männer eilten zu Beginn des 1. Weltkriegs freiwillig und begeistert zu den Fahnen, mit einer glühenden Liebe zu Deutschland im Herzen und der Suche nach Gipfelerfahrungen im Sinn - den eigenen Tod vor Augen. Das ist die Essenz der Gipfelerfahrung, dass es in ihr immer um Leben und Tod geht - wenn nicht physisch, so doch spirituell.

Zurück zu den Amokläufern. Dies ist natürlich eine falsche Bezeichnung, die ich hier nur verwende, damit mich die Suchmaschinen finden, wenn Interessierte diese falsche Bezeichnung für “school shootings” eingeben. Amok ist immer spontan, die Schulschützen handeln aber in aller Regel mit Vorsatz und geplant.

Eingangs sprach ich davon, dass nun wieder einmal die Zeit der Spekulationen angebrochen ist über Motive der so genannten Amokläufer und die Ursachen ihres Verhaltens. Ich will mich an diesen Spekulationen nicht beteiligen. Der Sinn eines Verhaltens erschließt sich letztlich nur aus der Innensicht. Und dieser Blick ging endgültig verloren, als das Auge des Schulschützen von Winnenden brach. Ich gebe nur zu bedenken, dass nach meiner festen Überzeugung dieser junge Mann ein Gipfelerlebnis suchte und fand - in einer fürchterlichen Form mit mörderischem Ausgang. So wie Zehntausende ihr Gipfelerlebnis im 1. Weltkrieg  fanden, in einer fürchterlichen Form mit mörderischem Ausgang.

Die Psychologie und Psychiatrie sind heute dem Neuro-Wahn verfallen. Sie betrachten den Menschen nur noch von außen, beobachten sein Verhalten und korrelieren es mit neuronalen Mustern, mit der Aktivität seines Nervensystems. Sie haben das, was den Menschen ausmacht, nämlich sein Dasein aus den Augen verloren. Sie haben uns nichts mehr zu sagen.

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Psychologie - alles Mist?

Als sich die Psychologen im vorigen Jahrhundert aus ihren Lehnstühlen erhoben, sich den Staub philosophischer Wälzer aus dem Gesicht wischten und begannen, in psychologischen Laboren mit Menschen zu experimentieren, da wurde dies als großer Fortschritt der Wissenschaft gefeiert. Mit naturwissenschaftlichen Methoden wollte man den Durchbruch in der psychologischen Forschung erzwingen. Harte Fakten sollten an die Stelle unverbindlicher Spekulation treten. Charakteristisch für diese Geisteshaltung ist ein Satz, mit dem der Psychologe Hermann Ebbinghaus auf dem internationalen Kongress für Psychologie im Jahre 1900 in Paris viel Beifall erntete, dass nämlich die Psychologie eine lange Vergangenheit, aber eine kurze Geschichte habe. Damit wurden alle geisteswissenschaftlichen Bemühungen zur Erkundung der menschlichen Seele in die Vorgeschichte verwiesen. Die Geschichte der Psychologie begann erst mit dem Experiment.

Inzwischen gilt das psychologische Experiment als der Goldstandard psychologischer Erkenntnis. Die Logik, die diesem Erkenntnisweg zugrunde liegt, entspricht dabei dem Grundgedanken jeder experimentellen Wissenschaft, sei es die Physik, die Chemie oder z. B. die Molekularbiologie. Um den Einfluss eines Faktors X auf einen Prozess P zu analysieren, variiert man diesen und versucht, alle anderen Einflüsse konstant zu halten. In den klassischen Naturwissenschaften hat die Anwendung dieses Grundprinzipps gigantische Fortschritte ermöglicht.

Doch hat der Psychologie stößt die experimentelle Strategie auf ein Problem. Dieses Problem ist so gravierend, dass es die Mehrheit der Forscher schamhaft verschweigt. Zwar hört man in wissenschaftstheoretischen oder methodischen Grundlagenseminaren gelegentlich die Begriffe “externe Validität” oder auch “ökologische Validität” - aber wenn es dann darum geht, die Befunde der experimentellen psychologischen Forschung den Medien oder Auftraggebern außerhalb des Wissenschaftsbetriebs zu verkaufen, dann tauchen diese Begriffe nicht mehr auf. Und erst recht ist dann das Problem, auf das sie sich beziehen, kein Thema mehr.

Es gibt allerdings auch Ausnahmen, Nestbeschmutzer. Über deren Motive könnte man trefflich streiten. Leute, denen das Thema nicht behagt, streiten sich gern über die Motive. Es scheint mir aber konstruktiver zu sein, sich mit den Argumenten auseinander zu setzen - und nicht mit den Beweggründen derer, die sie vertreten.

Einer dieser Nestbeschmutzer ist der amerikanische Kriminalpsychologe Prof. Dr.  Christopher J. Ferguson. In einem Interview mit der Web Site “Gamespot” behauptete er, dass die Qualität psychologischer Forschung im Allgemeinen sehr schlecht sei. Es könne sich dabei durchaus um 90 bis 95 Prozent der Studien handeln.

“The way that we study questions, the way that we support our hypotheses are not very scientific, quite frankly. And social science is kind of an oxymoron, to some extent.”

Ein “Oxymoron” ist ein Widerspruch in sich.  In gewissem Maße… Welches Maß meint der Professor?

Ferguson illustriert seine Behauptung mit der Forschung zur Frage, ob Computerspiele gewalttätiges Verhalten förderten. In den entsprechenden Experimenten werden die Versuchspersonen üblicherweise in zwei Gruppen geteilt, die Versuchsgruppe und die Vergleichsgruppe. Die Versuchsgruppe spielt eine Weile Computerspiele, die Vergleichsgruppe beschäftigt sich in demselben Zeitraum mit neutralen, also nicht mutmaßlich aggressionsfördernden Tätigkeiten. Danach werden beide Gruppen aufgefordert, ein bestimmtes aggressives Verhalten zu zeigen. In einer Reihe von Studien bestand dieses Verhalten darin, Mitarbeiter des Versuchsleiters mit lauten Tönen zu beschallen.

Wenn die Computerspieler sich bei diesem Tests aggressiver zeigten, wurde daraus geschlossen, dass Computerspiele die Gewaltbereitschaft stimulierten.

“There is a big difference between such an action and the sort of school shootings or other violent outbursts that concerned groups try to pin on violent games.”

Allerdings. Wer Menschen mit Lärm pisackt, nimmt deswegen nicht auch eine Knarre und legt seine Mitschüler um. In diesem Falle können die Ergebnisse des Experiments also allein schon darum nicht auf das reale Leben außerhalb des psychologischen Labors übertragen werden, weil es im Labor aus ethischen Gründen nicht möglich ist, das reale Leben in einem Ausmaß zu simulieren, das durch die Forschungsfrage erforderlich wäre. Aus erkenntnistheoretischer und methodologischer Sicht muss also davon gesprochen werden, dass die ökologische Validität von Experimenten dieser Art eingeschränkt sei.

Doch nicht nur ethische Momente bedrohen die ökologische Validität - auch solche, die mit der Natur psychologischer Experimente an sich zusammenhängen. Die Übertragbarkeit experimenteller Resultate ist ja immer in Frage gestellt, wenn sich die Bedingungen des Experiments gravierend von denen im realen Leben unterscheiden.  Ein psychologisches Experiment ist eine Form menschlicher Interaktion. Die Versuchsperson befolgt die Anweisungen des Versuchsleiters.

Menschliche Interaktionen werden determiniert durch ein Wechselspiel von Variablen, die in der Person liegen, und solchen, die von außen auf sie einwirken. Es sind also nicht nur die objektiven Gegebenheiten allein, die menschliches Verhalten steuern, sondern auch die subjektiven Verarbeitungen dieser äußeren Reize haben einen erheblichen Einfluss. Denken wir beispielsweise daran, dass sich Versuchspersonen in einem Experiment auch selbst als Versuchspersonen definieren und dass sie Hypothesen entwickeln, was mit dem Experiment bezweckt werden soll. Kurz: Im Experiment wirken Einflussgrößen auf das Verhalten ein, die es im realen Leben außerhalb des Labors nicht gibt - und umgekehrt.

Die amerikanische Psychologin Elizabeth F. Loftus versuchte experimentell zu überprüfen, ob man Versuchspersonen falsche Erinnerungen einpflanzen kann. In dem berühmten “Shopping Mall Experiment” suggerierte sie den Teilnehmern, sie seien in ihrer Kindheit in einem Einkaufszentrum verloren gegangen. Loftus bezeichnete diese Erfahrung als “mildly traumatic”.

Studien dieser Art verfolgen natürlich nicht nur rein akademische Zwecke. Sie stehen im Zusammenhang mit einer politischen Debatte über die Glaubwürdigkeit von Frauen, die behaupten, sexuell missbraucht worden zu sein. In den Vereinigten Staaten und inzwischen auch anderswo haben sich Interessenverbände gebildet, die propagieren, diesen Frauen seien von ihren Therapeutinnen falsche Erinnerungen eingepflanzt worden. Als Beweis für diese These berufen sich diese Verbände dann auf Studien im Stil des “Shopping Mall Experiments”.

Über die Motive dieser Interessengruppen möchte ich nicht spekulieren. Konzentrieren wir uns auf das Argument, dass man Menschen falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch einpflanzen könne und dass dies experimentell bewiesen sei. Zunächst einmal bleibt festzuhalten, dass es einen gravierenden Unterschied macht, ob man in einem Einkaufszentrum von der Mutter vergessen oder ob man vom Vater sexuell missbraucht wurde. Es dürfte heute nicht mehr möglich sein, sich ein Experiment genehmigen zu lassen, in dem Versuchspersonen suggeriert wird,  sie seien in der Kindheit sexuell missbraucht worden. Und erst recht ist es undenkbar, Kinder in einem Experiment sexuell zu missbrauchen, um dann hinterher festzustellen, ob sie diese Erfahrung vergessen und erst später, beispielsweise während einer Psychotherapie, wiedererinnern können.

Daher ist die ökologische Validität - auch von Experimenten zum Thema “sexueller Missbrauch” - immer eingeschränkt, und dies auch in diesem Fall nicht nur aus ethischen Gründen. Die Interaktion in einem psychologischen Labor unterscheidet sich nun einmal grundsätzlich von der Interaktion im Behandlungszimmer eines Psychotherapeuten. Die Versuchspersonen im Labor machen sich Gedanken, was der Versuchsleiter mit seinem Experiment wohl bezwecken will. Die Klienten einer Psychotherapie machen sich Gedanken, was der Psychotherapeut mit seiner Therapie wohl bezwecken will. Versuchspersonen und Klienten dürften in der Regel zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Und diese unterschiedlichen Ergebnisse werden ihr Verhalten und Erleben auch unterschiedlich beeinflussen.

Dies muss zumindest vermutet werden, und daher ist die Übertragbarkeit von Laborstudien auf das reale Leben immer in Frage gestellt. Betrachtet man also das Experiment als den Königsweg zur psychologischen Erkenntnis und entwertet alle anderen Ansätze als mehr oder weniger unwissenschaftlich, dann stellt man die Psychologie auf eine überaus fragwürdige Grundlage.

Man möge mich nicht missverstehen: Ich halte Experimente in der Psychologie keineswegs für wertlos. Sie sind nur kein eigenständiger Weg zur psychologischen Erkenntnis - und wenn Experimentatoren dies vorgeben, dann täuschen sie nicht nur die Öffentlichkeit, sondern sie hemmen auch den Erkenntnisfortschritt.

Eine Erzählung hat einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss. Ein psychologisches Experiment beginnt damit, dass ein Forscher mit einem wissenschaftlichen Problem konfrontiert wird und sich dazu eine Hypothese einfallen lässt. Nun denkt er sich einen Versuchsplan aus, um die Hypothese zu überprüfen. Er setzt den entsprechenden Versuchsplan um und dokumentiert das Verhalten seiner Versuchspersonen. Schließlich wertet er seine Datenbasis aus und veröffentlicht seine Ergebnisse. In einem Kriminalroman wird der Detektiv mit einer Leiche konfrontiert. Er lässt sich eine Hypothese einfallen, wer der Täter sein könnte. Nun dokumentiert er das Verhalten seiner Verdächtigen, wertet das Ergebnis seiner Investigation  aus und präsentiert seinen mutmaßlichen Täter schließlich dem Staatsanwalt. Das psychologische Experiment ist also eine Story. Es gehört nicht zum Genre der Kriminalromane, es ist ein Genre sui generis. Aber es ist eine Erzählung - und nur wenn man es als Erzählung versteht und interpretiert, kann es zur psychologischen Erkenntnis beitragen.

Nicht nur psychologische Experimentatoren, wir alle sind Geschichtenerzähler. Wir alle versuchen, unserem Leben Sinn zu geben, indem wir uns und anderen Storys über uns selbst und unsere Welt erzählen. Diese Geschichten sind die Leitschnur unseres Verhaltens und Erlebens - bewusst und unbewusst. Nach wie vor beherrschen die pseudo-naturwissenschaftlichen Experimentatoren das Feld in der sog. wissenschaftlichen Psychologie, aber die Kritiker gewinnen an Einfluss. Zu den Forschern, für die Erzählungen der Stoff sind, aus dem die Seele gemacht ist, zählen die Anhänger der Narrativen Psychologie. Eine gute Einführung in dieses Wissensgebiet stammt aus der Feder der amerikanischen Psychologin Michele L. Crossley.

“Drawing on some of dominant theories in this area, it has argued that human life carries within it a narrative structure to the extent that the the individual, at the level of tacit, phenomenological experience, is constantly projecting backwards and forwards in a manner that maintains a sense of coherence, unity, meaningfulness and identity.”

Indem der psychologische Experimentator durch sein Experimentieren seine Identität als Naturwissenschaftler begründet und seinen Ergebnissen einen naturwissenschaftlichen Charakter zuschreibt, erzählt er eine nicht authentische, eine irreführende, eine entfremdete Geschichte über sich selbst und seine Welt.

Psychologie - alles Schrott? Oder zu 90 bis 95 Prozent, wie Ferguson behauptet?  Die heutige empirische Psychologie gleicht in der Tat einem riesigen Schrottplatz. Unter einem Haufen Müll verbirgt sich jedoch mancher Wertgegenstand, der eine Geschichte erzählt, die nachzuerzählen es sich durchaus lohnt. Aber ist nicht jedes Experiment eine Geschichte? Durchaus, allerdings werden heute Forschungsberichte über derartige Experimente so verfasst, dass ihr Geschichten-Charakter möglichst verhüllt wird. Sie werden dadurch zur Fiktion, indem sie alles Fiktive zu vermeiden versuchen und nur “Daten” präsentieren wollen. Sie werden zur Fiktion, weil sie dabei die Menschen aus dem Blick verlieren und den Eindruck erwecken, die Versuchspersonen seien mechanische Objekte, die durch eine Handvoll von Merkmalen hinlänglich beschrieben werden könnten. Aber das ist eine andere Geschichte…

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Außer Kontrolle?

Menschen handeln. Sie haben Absichten, setzen sich Ziele, wählen Mittel aus, bilden Erwartungen hinsichtlich der Ziele und der ausgewählten Mittel. Dies betrifft nicht nur das äußere, sichtbare Verhalten, sondern auch die geistigen Prozesse. Auch Stimmungen, Gefühle, Gedanken sind Handlungen oder Begleiterscheinungen von Handlungen. Angst z. B. begleitet die Absicht anzugreifen oder wegzulaufen. Angreifen und Weglaufen aber sind Handlungen: Sie haben ein Ziel, unterliegen einer Absicht usw. Wenn ich nachdenke, dann versuche ich, eine Frage zu beantworten. Das aber ist eine zielgerichtete, absichtsvolle, erwartungsgesteuerte geistige Operation, also eine Handlung.

Manchmal aber verhalten wir uns auch automatisch. Bedeutet dies, dass wir in diesem Falle Automaten sind? Bezogen auf das Seelenleben ist der Begriff des “Automatismus” nur eine Metapher, und zwar eine irreführende. Denn auch unsere automatischen Verhaltensweisen verfolgen absichtlich gewählte Ziele, sind von Erwartungen gesteuert - und wenn etwas schief läuft, dann tritt häufig wieder der bewusste Wille an die Stelle des unkontrollierten Ablaufs.

Wenn wir neue, unbekannte Probleme lösen, stehen die entsprechenden Handlungen im Brennpunkt unserer Aufmerksamkeit. Routineaufgaben erledigen wir “automatisch” - dies bedeutet nur, dass wir ihnen unsere Aufmerksamkeit teilweise oder vollständig entzogen haben. Wir können unsere Aufmerksamkeit auch einzelnen Elementen unserer Handlungen entziehen. Wenn wir z. B. die Absicht hinter unseren Handlungen aus dem Bewusstsein verbannen, dann hat unser Bewusstsein den Eindruck, es habe die Kontrolle über diese Handlung verloren. Unser Ich ist dann nicht mehr in der Lage, darüber zu reflektieren, dass ein Teil seiner selbst unbewusst die entsprechende Absicht zu dieser Handlung verfolgt.

Dies trifft natürlich auch auf die sog. psychischen Krankheiten zu. Diese sind immer mit einem erlebten Kontrollverlust verbunden. Nicht nur Zwänge oder Abhängigkeiten sind Ausdruck eines subjektiv erlebten Kontrollverlusts. Wer depressiv ist, der sieht sich außerstande, die dunklen Schatten aus seinem Bewusstsein zu verbannen. Wer übersteigerte Angst hat, der fühlt sich nicht mehr als Herr dieses Gefühls, sondern er glaubt, unter der Kontrolle seiner Angst zu stehen und von dieser zu Verhalten gezwungen zu werden, das er selbst gar nicht will.

Doch dieser Kontrollverlust ist eine Täuschung. Diese Täuschung wird dadurch hervorgerufen, dass wir den entsprechenden Absichten unsere Aufmerksamkeit entzogen haben. Auch der Entzug der Aufmerksamkeit, also der “Abwehrmechanismus”, die Verdrängung, ist eine Handlung. Sie beruht wie jede Handlung auf einer Absicht. Auch dieser Absicht können wir unsere Aufmerksamkeit entziehen. Logisch betrachtet, verwickeln sich Menschen bei diesem unendlichen Entzug von Aufmerksamkeit für ihre Absichten und ihre Absichten höherer Ordnung natürlich in Widersprüche. Daher ist es ein Wesenselement dieser menschlich-allzumenschlichen Form des Selbstbetrugs, sich in diesem Bereich außerhalb der Logik zu stellen.

Wer etwas von Hypnose versteht, wird hier unschwer erkennen, dass diese Verdrängung von Absichten aus  Bewusstsein des Handelnden auffällige Ähnlichkeiten mit der Ausführung eines posthypnotischen Befehls aufweist. Dieser hat folgende Grundform: Ein Mensch wird hypnotisiert. Der Hypnotiseur gibt ihm folgenden Befehl: Sie werden wieder aus der Hypnose aufwachen, sobald ich das Zeichen A gebe. Sie werden sich dann nicht mehr an die Hypnose erinnern können. Wenn ich danach das Zeichen B gebe, werden Sie die Handlung XYZ vollziehen.” Der Hypnotiseur gibt das Zeichen A. Der Hypnotisand wacht auf. Der Hypnotiseur gibt nach einer Weile das Zeichen B. Der Hypnotiseur vollzieht die Handlung XYZ. Auf Befragen, warum er so gehandelt habe, wird er allerlei Rationalisierung vorbringen. Seine tatsächliche Absicht aber bleibt seinem Bewusstsein verborgen. Seine tatsächliche Absicht bestand ja darin, die Befehle des Hypnotiseurs zu befolgen, und zwar den Befehl, die Hypnose zu vergessen, und den Befehl, XYZ zu verwirklichen.

Bei den sog. psychischen Krankheiten verhält es sich ganz ähnlich wie im obigen Fall - mit dem Unterschied, dass im Regelfall keine formale Hypnotisierung im Spiel war. Aber auch bei sog. psychischen Krankheiten verfolgt der “Erkrankte”zwei Absichten, nämlich jene, die “Symptome” zu produzieren und zu “vergessen”, dass er selbst es ist, der diese Symptome produziert. Er wird sie vielmehr rationalisieren. Eine Möglichkeit zur Rationalisierung bieten ihm Psychiatrie und Psychotherapie an. Sie legen ihm nahe, sich als psychisch krank zu fühlen. Eine Störung in seinem Gehirn zwinge ihn zu dem symptomatischen Verhalten. Er sei krank, und daher für dieses Verhalten nicht voll verantwortlich. Er müsse sich in die Obhut des Psychiaters oder Psychotherapeuten begeben und sich willig den Anordnungen dieser Fachleute fügen, den Psycho-Experten also einen mehr oder weniger großen Teil seiner Verantwortung für sich selbst übertragen.

Und das ist wirklich unerträglich! Selbstbetrug ist keine Krankheit - auch dann nicht, wenn man sich den Selbstbetrug nicht bewusst machen und eingestehen kann.

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Afghanistan und das Trauma

Am Stammtisch

Am 2. Februar strahlte die ARD einen Fernsehfilm über einen Bundeswehrsoldaten aus, der nach seiner Rückkehr vom Einsatz in Afghanistan unter schweren psychischen Problemen leidet. Am folgenden Tag wurde ich zufällig Ohrenzeuge eines Stammtischgesprächs, in dem ältere Herren sich gegenseitig in der Ansicht bestätigten, dass nur Feiglinge oder Schwächlinge an der Front zusammenbrechen.

Vermutlich hatten diese Männer nie einen Krieg erlebt – von Kampferfahrung ganz zu schweigen. Doch auch Kriegsteilnehmer neigen nicht selten zu solchen Ansichten. Das liegt nicht allein daran, dass nur eine Minderheit der Soldaten an der Front war. Der Grund dafür ist auch die sattsam bekannte Neigung des Menschen zum Selbstbetrug und zur Verlogenheit.

An der Front

Die Mythos vom Kriegshelden hält den Tatsachen nämlich nicht stand. In seinem Buch „The Painful Field“ hat der amerikanische Historiker Richard A. Gabriel Fakten zusammengetragen, die eindeutig belegen, dass es keine Kriegshelden gibt. Ich referiere die wichtigsten Einsichten aus seinem lesenswerten Buch:

Während des 2. Weltkriegs feuerten gerade einmal 15 Prozent der amerikanischen Frontsoldaten ihre Waffen ab - unabhängig davon, ob sie angriffen oder angegriffen wurden. Die meisten Soldaten hatten einfach zu viel Angst, so dass sie nichts anderes taten als in ihren Schützenlöchern auszuharren.

Nahezu alle Soldaten, die mehr als einen Monat dem Stress der Front ausgesetzt sind, entwickeln psychiatrische Symptome. Die Vorstellung, dass nur Feiglinge zusammenbrechen, ist ein Mythos, der durch militärpsychologische und militärpsychiatrische Studien eindeutig widerlegt wird. Und diese Erfahrungen beziehen sich vor allem auf Kriege, die erheblich weniger intensiv waren als ein moderner konventioneller Krieg.

Während des Kalten Krieges beschäftigten sich die Militärstrategen beider Blöcke natürlich auch mit Prognosen der Kampfkraft ihrer Truppen. Projektionen für rein konventionelle Kriegsszenarios zwischen Warschauer Pakt und NATO in Mitteleuropa aus dieser Zeit legen nahe, dass während einer Woche die psychiatrisch begründete Kampfunfähigkeit rund 40 bis 50 Prozent aller Fälle ausgemacht hätte - auf beiden Seiten.

In jedem Krieg sind Furcht und Erschöpfung ständige Begleiter. Die Erfahrung der Schlacht ist eine der bedrohlichsten, stressvollsten und schreckerregendsten Erfahrungen, die von Menschen auszuhalten erwartet wird. Schwere emotionale Reaktionen sind weder seltene, noch isolierte Ereignisse.

Es kann kein Zweifel daran bestehen: Die Kriegstechnik ist so destruktiv geworden, dass die Frage aufgeworfen wurde, ob irgend ein Soldat, außer den ohnehin schon Verrückten, das Schlachtfeld noch auszuhalten vermag. Die Hinweise, die wir haben, lassen erkennen, dass die Grenzen der menschlichen Belastbarkeit bereits erreicht wurden.

Obwohl die amerikanische Armee während des I. und II. Weltkriegs durch gründliche psychiatrische Untersuchungen die Schwachen auszusondern versuchte und nur die angeblich Starken an die Front geschickt wurden, gelang es ihr nicht, psychiatrische Zusammenbrüche infolge des Kampferlebnisses zu vermindern.

Psychiatrische Krankheiten waren die größte Einzelkategorie bei den Behindertenrenten, die nach dem II. Weltkrieg von der amerikanischen Regierung gewährt wurden.

Während des I. Weltkriegs wurden 27,7 % der Frontkämpfer aus der Kampfzone wegen eines psychiatrischen Zusammenbruchs evakuiert. Weitere 16,6 % wurden vorübergehend in psychiatrische Einrichtungen gebracht.

Während des II. Weltkriegs litten 1.393.000 amerikanische Soldaten an psychiatrischen Symptomen, die sie zumindest vorübergehend dienstunfähig machten.

37,5 % der amerikanischen Frontsoldaten wurden während des II. Weltkriegs wegen psychiatrischer Probleme entlassen.

Interviews mit amerikanischen Frontsoldaten ergaben, dass während des II. Weltkriegs nicht mehr als 15 % der Soldaten ihre Waffen abfeuerten, selbst wenn sie angegriffen wurden. Sogar in Elite-Einheiten, die für ihre Aggressivität bekannt waren, stieg dieser Anteil nur auf 25 %. Dasselbe Bild ergab sich bei den Piloten. Auf nur 1 % entfielen mehr als 40 % der Abschüsse.

In Korea erlitten 24,4 % der amerikanischen Frontsoldaten so schwerwiegende psychiatrische Zusammenbrüche, dass sie zumindest vorübergehend kampfunfähig waren.

Vietnam: 12,5 % der Frontsoldaten (=Soldaten mit Kampferfahrung) wurden psychiatrische Fälle. Der Vietnamkrieg war kein sehr intensiver Krieg, so erklärt sich die vergleichsweise niedrige Zahl. Allerdings erkrankten nach dem Krieg mehr Veteranen an Posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS) als nach jedem anderen Krieg zuvor.

Untersuchungen zeigten, dass etwa 2 Prozent der Soldaten im Frontkampf nicht zusammenbrechen. Dabei handelt es sich um Menschen, die bereits vor dem Soldatenleben psychopathische Persönlichkeiten waren.

(Quelle: Gabriel, R. A. (1988). The Painful Field. The Psychiatric Dimension of Modern War. New York, Westport, Con., London: Greenwood Press)

Posttraumatische Belastungsstörung

Wenn sich die Bundeswehr weiterhin an internationalen Kampfeinsätzen beteiligt, dann ist natürlich mit einer steigenden Zahl von Menschen in unserer Mitte zu rechnen, die durch Kriegserfahrungen schwer traumatisiert wurden. In vielen Fällen werden die Traumata diese Veteranen ein Leben lang begleiten und mitunter irreversible psychische Störungen hervorrufen.

Nachdem die Bundesregierung dieses Problem lange ignoriert hat, will sie nun – wie die Süddeutsche Zeitung am 2. Februar 2009 berichtete – ein Forschungszentrum für die sog. Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) einrichten. Die Diagnose PTBS wurde 1980 in die dritte Revision des „Diagnostisch Statistischen Manuals“ (DSM) aufgenommen. Das DSM ist die internationale Psychiater-Bibel zur Psychodiagnose. Die Aufnahme der PTBS erfolgte auf Druck der Verbände von Vietnam-Veteranen. Obwohl dadurch eine neue Krankheit, ein neues „Syndrom“ kreiert wurde, sind die Phänomene, auf die sich diese Diagnose bezieht, natürlich so alt wie der Krieg. Durch die Aufnahme wurden sie jedoch offiziell zur Krankheit.

Doch es handelt sich nicht um eine Krankheit. Die Verhaltensmuster, aufgrund derer die betroffenen Soldaten diese Diagnose erhalten, sind die ganz normalen Reaktionen normaler Leute auf eine verrückte Situation. Die menschliche Natur hält dem extremen Stress eines Kampfeinsatzes über einen längeren Zeitraum nicht stand. Jeder hat seinen Bruchpunkt. Wer diesen Bruchpunkt nicht innerhalb weniger Wochen an der Front erreicht, der ist nicht normal.

Eine Frage des Staates und die Antwort der Soldaten

Aus meiner Sicht sind die sog. Psychischen Störungen in Wirklichkeit keine Krankheiten, sondern Strategien zur Daseinsbewältigung. Auch die „Posttraumatische Belastungsstörung“ eines Soldaten macht hier keine Ausnahme. Es ist eine Strategie, den Wahnsinn des Krieges zu bewältigen und dabei ein normaler Mensch zu bleiben, sich also nicht in ein Monster zu verwandeln.

Selbstverständlich entwickelt nicht jeder Soldat, der in Afghanistan eingesetzt wird, ein „posttraumatisches Belastungssyndrom“. Die psychischen Auswirkungen hängen natürlich von der Intensität und Dauer des Kampfeinsatzes ab, vom Ausmaß der Stresserfahrung also. Je brutaler der Krieg, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Soldat jene Strategie der Daseinsbewältigung wählt, die unter dem Begriff „PTBS“ medikalisiert wurde. Durch diese Medikalisierung wird eine gesunde Reaktion zur Krankheit erklärt. Sie wird individualisiert. Man schiebt den betroffenen Soldaten in die Röhre eines Computer-Tomographen und stellt u. U. fest, dass sich sein Hirn strukturell verändert hat. Das ist dann in etwa so, als hätte er ein Bein verloren.

Doch er hat kein Bein verloren, ihm fehlt nichts. Der Brain-Scan zeigt nur, dass sein Gehirn normal auf eine wahnsinnige Erfahrung reagiert und sich so verändert hat, dass es das Verhalten im Sinn einer Strategie steuern kann, die das menschliche Ansicht angesichts der Barbarei wahren soll.

In der „Welt online“ vom 4. Februar 2009 befürchtet der Kommentator Michael Stürmer, dass der Druck, „das Grauen sich selbst zu überlassen“, beständig zunehmen werde, je mehr Traumatisierte ihre Geschichte erzählen. Dies aber hätte Folgen „weit über den Hindukusch hinaus. Es ginge um die alte Frage, „was der Staat von den Seinen verlangen darf – und warum.

Soldaten, die im Krieg ausrasten, durchdrehen, geben eine Antwort auf diese Frage. Sie ist vielstimmig:

  • Physische Erschöpfung, später mentales Auslaugen, jede Bewegung erschöpft, ist quälend, Suchtmittelmissbrauch wahrscheinlich; unsoziales Verhalten, Irritabilität, Verantwortungsscheu, Verweigerungshaltung; emotionale Krisen, somatische Stress-Symptome (Schwitzen, Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen etc.)
  • Psychotische Dissoziation von der Realität; Wahnideen; extreme Stimmungsschwankungen; läppisches Verhalten
  • Psychosomatische Symptome als Konfliktlösung zwischen Pflichtbewusstsein und Todesangst; Amnesien; Fugue; konvulsive Attacken; Lähmungserscheinungen; neurotische Herzstörungen; exzessives Zittern etc.
  • Schlafstörungen, Alpträume; fixe Ideen; Phobien, generalisierte Ängste; psychosomatische Symptome wie Kurzatmigkeit, Schwächegefühle, Nervosität
  • Der Soldat erkennt krankhafte Züge seines Verhaltens, kann aber nicht davon lassen. Zittern, Krämpfe, Tics, Stammeln
  • Längerfristige Persönlichkeitsveränderungen und PTBS durch wiederholten traumatischen Stress an der Front.

So antworten viele Soldaten auf die Frage des Staates, was er ihnen im Kriege zumuten darf. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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Psychisch krank - der Knast

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Kinder und Psychopharmaka

Zu Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts überraschte der amerikanische Psychiater Joseph Biederman die Fachwelt mit der These, dass auch kleine Kinder häufig an einer bipolaren Störung erkranken könnten. Menschen mit bipolarer Störung leiden unter extremen Stimmungsschwankungen. Die Extrempole sind Hochstimmungen, verbunden u. a. mit Selbstüberschätzung, Übererregtheit und riskantem Verhalten auf der einen Seite, sowie düsteren Verstimmungszuständen u. a. mit Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit und Selbstmordgedanken auf der anderen Seite… Weiterlesen…

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Medikalisierung

Früher galt der Alkoholismus als Sünde oder Charakterschwäche. Als ihn die Medizin dann zur Krankheit erklärte und die Justiz dieser Einstufung folgte, wurde dies von wohlmeinenden Menschen als wissenschaftlicher Fortschritt betrachtet. Seit vielen Jahrzehnten wird eine beständig wachsende Zahl von Substanzen mit bewusstseinsverändernden Wirkungen per Gesetz als Rauschmittel deklariert und verboten. Wer sie im Übermaß konsumiert, gilt als Süchtiger.

Früher glaubte man, Psychotiker seien von Dämonen besessen; mitunter meinte man auch, der göttliche Funke sei in sie eingeschlagen. Später wurden Menschen, die ihre außergewöhnlichen Erfahrungen nicht mehr unter Kontrolle hatten, als “Schizophrene” in psychiatrischen Lehrbüchern beschrieben und in diagnostische Manuale aufgenommen. Wohlmeinende Menschen begrüßten dies als  wissenschaftlichen Fortschritt.

Und so wurde eine große und immer noch wachsende Zahl von Verhaltensmustern und Erlebnisweisen zu medizinischen Problemen erklärt. Die amerikanische Soziologie prägte für diesen Vorgang den Begriff “medicalization”. Die deutsche Übersetzung “Medikalisierung”  ist dem Sachverhalt noch angemessener, weil er so unschön klingt, wie es die hässliche Sache verdient.

Nun werden die wohlmeinenden Menschen verständnislos mit dem Kopf schütteln. Schließlich würden heute, dank dieser Medikalisierung, arme, gequälte, leidende Menschen nicht mehr von Exorzisten traktiert oder in Zwangsjacken gesteckt, sondern von qualifizierten Fachkräften wissenschaftlich fundiert behandelt.

Dieses Argument klingt beim ersten Hinhören überzeugend. Man bleibt auch überzeugt, solange man die Nase nicht in die einschlägige Fachliteratur steckt. Dort nämlich finden sich, versteckt unter einem Wust von Lobhudeleien und Propaganda einschlägiger Interessengruppen,  wissenschaftliche Studien zur Effizienz der üblichen Behandlungen für die sog. psychisch Kranken.

Die Methoden der Psychotherapien, heißt es da, gestützt auf eine Vielzahl empirischer Studien, seien für den Erfolg der Therapie unwichtig. Die Qualifikation des Therapeuten sei ebenso unerheblich, blutige Laien erzielten keine schlechteren Ergebnisse. Bedeutender schon seien die Persönlichkeit des Psychotherapeuten und sein Glaube an die Wirksamkeit der von ihm gewählten Methode. Einen größeren Einfluss habe auch die “Chemie” zwischen dem Psychotherapeuten und seinem Patienten. Doch all dies sei nicht entscheidend. Der therapeutische Wirkfaktor, der alle anderen Einflussgrößen weit in den Schatten stelle, sei die Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit des Patienten.

Nun, rufen einige aus dem Chor der wohlmeinenden Menschen, die Psychotherapie… das ist halt so eine Sache. Auf der anderen Seite habe die Psychopharmakologie gewaltige Fortschritte gemacht. Früher sei der Langzeit-Patient charakteristisch für die Nervenheilanstalten gewesen, heute betrage die durchschnittliche Verweildauer in modernen Kliniken nur noch wenige Tage.

Das ist aber erfreulich, antworte ich. Vielmehr, so korrigiere ich mich, das wäre ja erfreulich, wenn es denn stimmte. Ob es stimmt, steht allerdings in den Sternen, die, entgegen der Meinung vieler Astrologen, durchaus manchmal lügen. Man halte sich vor Augen, dass die Geschicke der Patienten psychiatrischer Anstalten vor dem Siegeszug der Psychopharmaka nicht systematisch statistisch erfasst wurden. Wir wissen daher gar nicht, ob sich die durchschnittliche Verweildauer tatsächlich verkürzt hat. Manche hätten es nur zu gern so, weil eine mutmaßliche Entwicklung dieser Art wunderbar im Einklang steht mit dem propagierten Fortschrittsglauben.

Doch viel gewichtiger als solche Zahlenspielereien ist die Tatsache, dass, nach einer Vielzahl von systematischen Meta-Evaluationen der Wirkung von Psychopharmaka, nüchtern festgestellt werden muss: Sie sind in der Regel kaum effektiver als Placebos. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich also keineswegs positiv von den Psychotherapien. Anders als diese aber haben sie teilweise gravierende, unerwünschte Neben- und Folgewirkungen. Und oft helfen sie, wenn überhaupt, nur kurzfristig; bei langfristiger Einnahme überwiegen die Nachteile oft eindeutig die Vorteile.

Vom Fortschritt der Medikalisierung bleibt also nicht viel übrig, wenn man die Dinge etwas genauer unter die Lupe nimmt. Natürlich: die Medikalisierung hat viele Ärzte und psychologische Psychotherapeuten in Arbeit und Brot gebracht, und auch die Pharma-Industrie verdient nicht schlecht daran. Doch - unabhängig vom segensreichen Wirken dieser Berufsstände und Branchen - leisten nach wie vor die Patienten die Hauptarbeit bei der Überwindung der sog. psychischen Störungen. Ganz gleich, ob man ihnen in der Psychopharmaka-Therapie bittere Pillen oder in der Psychotherapie bittere “Wahrheiten” zu schlucken gibt: Es hängt von ihrer Motivation und ihrer Kompetenz zur Selbstveränderung ab, ob die “Behandlung” erfolgreich ist oder nicht.

Doch die psychiatrische Propaganda verfehlt ihre Wirkung auf die Öffentlichkeit nicht. Betroffene und Nicht-Betroffene glauben mehrheitlich, dass psychische Krankheiten tatsächlich existierten und mit medizinischen Mitteln, wenn überhaupt, geheilt werden könnten. Dadurch werden nicht nur die Einkommen der beteiligten Berufsstände und Branchen legitimiert, sondern auch die Patienten entmündigt. Diese Entmündigung spricht natürlich den Tatsachen Hohn, denn wenn einer von ihnen “geheilt” wird, dann nicht trotz seiner Unmündigkeit, sondern dank seiner Mündigkeit.

Wenn ich die Existenz psychischer Krankheiten leugne, so bedeutet dies keineswegs, dass ich die Augen vor den Verhaltensweisen und Erlebnisformen verschließe, auf die sich diese Diagnosen beziehen. Zweifellos gibt es Menschen mit problematischem Verhalten. Man kann dieses Verhalten sicher auch als gestört auffassen, wobei man sich aber immer auch fragen sollte, wer da mehr gestört ist: der Patient oder seine Umwelt.

Die Störung beschränkt sich ja nicht auf die einzelne Person; vielmehr ist die Umwelt, in der sich der “Gestörte” bewegt, mehr oder weniger gestört. Wo liegen die Ursachen? Viele Menschen neigen dazu, die Ursache im sog. Patienten zu verorten. Diese Sichtweise wird ja auch durch die moderne Neuro-Psychiatrie bestärkt, die zu jeder dieser angeblichen psychischen Krankheiten ein Brain-Scan mit allerlei Absonderlichkeiten vorweisen kann. Ob diese Absonderlichkeiten nun aber die Ursache oder die Folge der Störung (die den Betroffenen und seine Umwelt einschließt) sind, vermag niemand zu beurteilen.

Jedenfalls können die Brain-Scans diese Frage nicht klären. Aber, so rufen die wohlmeinenden Menschen, es gäbe ja auch noch die Zwillingsforschung. Zeigt diese nicht, dass psychische Störungen zu einem großen Teil angeboren sind?

Die Zwillingsforschung zeigt dies schon, antworte ich ermattet, korrigiere mich dann aber wieder, der Vernunft gehorchend: Die Zwillingsforschung könnte dies u. U. zeigen, wenn sie die notwendigen methodischen Voraussetzungen erfüllen würde. Damit sie aussagekräftig ist, muss sie eineiige Zwillinge miteinander vergleichen, die getrennt aufgewachsen sind, und zwar in deutlich unterschiedlichen Milieus. Alle anderen Zwillingsstudien können aus logischen Gründen nur Ergebnisse hervorbringen, die man nicht eindeutig interpretieren kann. Nun gibt es aber nur wenige Zwillingspaare, die diese Voraussetzungen erfüllen, und noch weniger Zwillingspaare können für genetische Studien dieser Art rekrutiert werden. Und so ist die Zwillingsforschung beim gegenwärtigen Stand der Forschung keineswegs in der Lage nachzuweisen, dass psychische Störungen überwiegend auf den Erbanlagen beruhen.

Was bleibt also von den sog. psychischen Krankheiten? Offenbar nur, dass es sich um Normabweichungen handelt. Es ist aber keineswegs logisch zwingend, Normabweichungen als medizinische Probleme zu definieren. Ein simples Beispiel: Früher betrachtete die Psychiatrie die Homosexualität als psychische Krankheit - heute würde sich kein Psychiater mehr trauen, diverse Bürgermeister deutscher Städte oder andere hochrangige Politiker als Kranke einzustufen, nur weil sie mit Partnern des gleichen Geschlechts Sex haben.

Da also keineswegs bewiesen ist, dass psychische Störungen Krankheiten im medizinischen Sinne sind und da derartige Diagnosen offensichtlich auf sozialen Bewertungen beruhen, ist aus meiner Sicht eine Psychodiagnose eine Verleumdung des so Diagnostizierten.

Die störenden Verhaltensmuster und Erlebnisweisen sind natürlich da, keine Frage. Ich betrachte sie - wertfrei - als Strategien der Lebensbewältigung, die problematisch, gar riskant sein können, aber nicht müssen. Als Problemlösungsstrategien gehören sie zu Lebensstilen, die eine Lebenspraxis prägen. Diese Lebenspraxis aber vollzieht sich nicht im luftleeren Raum, sondern sie entfaltet sich gemäß der Möglichkeiten und Grenzen des jeweiligen Gesellschaftssystems.

Will man also die sog. psychischen Krankheiten verstehen, dann muss man die Lebensgeschichte des Betroffenen analysieren. Nur die Lebensgeschichte bezieht alle relevanten Faktoren ein - Brain-Scans können durchaus aufschlussreich sein, aber nur vor dem Hintergrund dieser Lebensgeschichte. Um die Lebensgeschichte eines Betroffenen analysieren zu können, muss man ihm zuhören, muss man den Storys lauschen, die er über sich und seine Welt zu erzählen weiß. Es mag ja sein, dass der Betroffene seine eigene Lebensgeschichte nur bruchstückhaft kennt und in der Erinnerung verzerrt. Aber wer würde sie denn besser kennen als er? Die Psychiater? Die diagnostischen Manuale? Die Lehrbücher? Sein Friseur?

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Hirnkrank?

Dank rasanter Entwicklung bei den Computern und den Tomographen können die Psychiater, Neurologen und Psychologen dem Hirn bei der Arbeit zuschauen und die Bilder werden immer präziser. Der Hype begann in den Vereinigten Staaten und schwappt nun auch nach Deutschland über: Die traditionellen Psycho-Wissenschaften mutieren zur Neuro-Psychiatrie, Neuro-Psychologie, Neuro-Psychotherapie und Neuro-Psychoanalyse.

Die Biologisten sonnen sich im Aufwind. Was ihre Vorväter Ende des 19. Jahrhunderts bereits verkündeten, bestätigt offensichtlich die moderne Wissenschaft: Psychische Störungen sind Hirnerkrankungen. Ist doch klar, oder. Können Brain-Scans lügen?

Natürlich nicht. Für Leute, die nicht an eine unsterbliche Seele glauben (und deren Zahl nimmt erfreulicherweise zu)… für diese Leute steht fest, dass unser Verhalten und Erleben ein Effekt unseres Nervensystems ist. Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich die Hirnaktivität von Menschen mit extremen Ängsten, abweichenden Gedanken, chronischer seelischer Verstimmung, Störungen der Aufmerksamkeit usw. systematisch von der Hirnaktivität der “Normalen” unterscheidet.

Wenn aber das Verhalten und Erleben grundsätzlich vom Nervensystem abhängt, dann sollte man erwarten, dass sich immer dann systematische Unterschiede zeigen, wenn Personengruppen durch unterschiedliche Lebenspraxis gekennzeichnet sind. Ein sog. Schizophrener, der beispielsweise früh verrentet wurde und seine Tage vor dem TV-Gerät oder im Patienten-Club einer wohltätigen Organisation verbringt, beschäftigt sich zwangsläufig mit anderen Dingen als beispielsweise ein Architekt, der von morgens bis abends Häuser entwirft. Ein Mensch mit Angst vor Menschen wird sich anders verhalten, anderes erleben als eine Betriebsnudel.

Solche Unterschiede der Aktivität finden sich aber nicht nur in Vergleichen zwischen den sog. psychisch Kranken und den Normalen. Nehmen wir z. B. Taxifahrer. Man mag von diesen Leuten ja halten, was man will, die Unterstellung, sie seien generell psychisch krank, wäre sicher abwegig. Nun haben britische Wissenschaftler Londoner Taxifahrer in die Röhre geschoben und ihr Gehirn durchleuchtet. Sie stellten fest, dass bei den “Black-Cab-Drivers”  eine Hirnregion, der Hippocampus deutlich gegenüber der Normalbevölkerung vergrößert war.

Bedeutet dies, dass diese Normabweichung pathologisch ist, dass es sich beim Taxifahren in London um eine psychische Krankheit handelt? Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Wer in dieser Stadt Taxi fährt, brauch Seelenruhe und ein sonniges Gemüt. Neurophysiologische Normabweichungen berechtigen also nicht zu einer psychopathologischen Diagnose. Vor allem aber ist keineswegs klar, ob sie die Ursache oder die Folge des von der Norm abweichenden Verhaltens sind. Es wäre kaum plausibel anzunehmen, dass Menschen mit einem angeboren vergrößerten Hippocampus nicht eher ruhen, bis sie Taxifahrer in London geworden sind.

Die Marketing-Experten der Pharma-Industrie sollten sich durch solche  rationalen Erwägungen aber nicht vom Kurs abbringen lassen. Schließlich zeigen die Befunde der Neuro-Marketing-Forschung eindeutig, dass der Konsument bei seiner Kaufentscheidung von seinen Emotionen beherrscht wird. Die fürs Emotionale zuständigen Hirnareale leuchten in den Brain-Scans auf wie Weihnachtsbäume, wenn Konsumenten in der Röhre zwischen Waren wählen sollen. Allein die Erwähnung einer Marke wirkt da Wunder. Was für Coca-Cola oder Mercedes gilt, sollte doch auch auf Psychopharmaka zutreffen. Warum also sollte man den Verstand der Konsumenten übermäßig beanspruchen, wenn die gefühlsmäßig schlichte Botschaft, ein Medikament entstöre das Gehirn, seine Wirkung nicht verfehlt?

Außerdem ist es unklug, wenn Werbung Dissonanzen zum herrschenden Zeitgeist erzeugt. Wir leben schließlich in einer individualistischen Gesellschaft, in der jeder seines Glückes Schmied ist. In einer solchen Gesellschaft stößt natürlich die Botschaft auf Unverständnis, dass die sog. psychischen Krankheiten Ursachen hätten, die von der Gesellschaftsstruktur abhängen. Nein, nein, das kann nicht sein. Wer psychisch gestört ist, bei dem stimmt etwas im Dachstübchen nicht. Wir sind OK, die sind nicht OK. Oder?

Die Wissenschaft hat’s bewiesen. Was soll man da noch lange diskutieren?

PS: Aber - wenn doch das Individuum das Maß aller Dinge ist, warum messen wir dann das Verhalten und Erleben der sog. psychisch Kranken an kollektivistischen Maßstäben, an der Norm?

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Antiamerikanismus gebloggt

Wie lange bleibt die Weste der schwarzen Hoffnung im Weißen Haus weiß? Dieser und verwandten Fragen widmet sich mein Blog

Der Antiamerikaner  - Blog für alteuropäisches Denken

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Freiheit der Medien

Vögel fliegen, Fische schwimmen im Schwarm, um ihre Feinde zu verwirren. Es fällt den Raubtieren dann schwerer, ein einzelnes Tier zu verfolgen und zu fangen.

Die Medien jagen Schwärme von Skandalen über die Bildschirme und durch den Blätterwald. So entkommt der einzelne Skandal leichter einer vertieften Auseinandersetzung. Die Medien produzieren also Skandal-Schwärme, um die Zuschauer und Leser zu verwirren.

So wird die Pressefreiheit für die Mächtigen erträglich.  Zensur findet nicht statt. Kein Thema wird unterdrückt. Die Konsumenten werden einfach mit Skandalen überflutet. Das Bewusstsein jagt hinter den Spots her und das kritische Denken bleibt oberflächlich. Nichts haftet.

Die schlimmsten Schweinereien sind spätestens nach ein paar Wochen schon wieder vergessen. Die Säue werden mit atemberaubender Geschwindigkeit durchs mediale Dorf getrieben. Längst hat sich die Psyche der Menschen diesem Tempo angepasst. Die Aufmerksamkeit reicht gerade noch für ein paar Minuten - und wenn dann keine Musik oder Werbung kommt, geht der Rest der Meldung zum einen Ohr herein und zum anderen wieder heraus.

Doch es gibt auch Ausnahmen. Manche Themen sind zu heiß, als dass man sie mit der Schwarm-Technik abkühlen könnte. Dazu zählt die NATO-Strategie zur “Verteidigung” Deutschlands mit taktischer Nuklearmunition im Kalten Krieg.  Darüber wird allenfalls in den Dritten Programmen nach 23 Uhr berichtet - und dabei auch noch das Wichtigste verschwiegen.

Doch wo die Informationen fehlen, blüht die Phantasie. Ein Beispiel dafür ist mein Roman “Ein Sklave der Freiheit“, den Sie hier kostenlos herunterladen können.

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Spontan?

Seitdem sich die Medizin der Seele bemächtigt hat, produziert sie am laufenden Band Absurditäten. Sie hat diese inzwischen zur Wissenschaft veredelt, die sie Psychiatrie nennt. Nur begreifen dies die wenigsten Ärzte, und darum quälen sie sich mit einem Studium herum. Einer, der dies begriffen hatte, der Dr. Gerd Postel, a.k.a. Dr. Dr. Klemens Bartholdy machte allerdings in der Psychiatrie Karriere, obwohl er nur gelernter Postbote war.

Wie in schlechten Ärzte-Witzen beruht die “Wissenschaft” der Psychiatrie auf einer hochtrabenden Begriffswelt mit nichts dahinter. Beständig kommen neue sog. psychische Krankheiten hinzu, fortwährend werden neue Medikamente zur Behandlung dieser angeblichen Krankheiten auf den Markt geworfen, obwohl es keinerlei wissenschaftliche Beweise dafür gibt, dass diese Krankheiten mehr sind als ein willkürliches Etikett - ein Etikett, das man hilflosen Menschen anheftet, deren Verhalten Missfallen erregt hat.

Dies ist die graue Theorie. Die Praxis dahinter ist bunt, so bunt wie das Arsenal der Pillen, mit denen Psychiater und andere Doktores diese so genannten psychischen  Krankheiten kurieren. In aller Regel ist deren Wirkung entweder dämpfend oder stimulierend, hemmend oder erregend. Hinter der Vielfalt der Begriffe steht die Einfalt der puren Mechanik: Bremse oder Gaspedal.

Mitunter aber kommt es vor, dass störendes Verhalten verschwindet, ohne dass Psychiater die chemische Keule geschwungen haben. Die Medizin hat dafür einen schönen, entlarvenden Begriff: Spontan-Remission.  Dieser Begriff suggeriert, dass die Krankheit plötzlich ohne erkennbare Ursache verschwunden sei - spontan eben.

Mitunter unterliegt sogar die Krankheit “Psychiatrie” einer Spontan-Remission. Lange Zeit galt z. B. die Homosexualität als Perversion, als psychische Krankheit. Heute ist sie aus allen diagnostischen Manualen der Psychiatrie wieder verschwunden. Wenn das keine Spontan-Remission ist!? Nur die Psychoanalyse ist noch nicht kuriert. Den Jüngern Freuds gilt die Homosexualität immer noch als Krankheit. Doch die Psychoanalyse ist ja auch, schenkt man Karl Kraus Glauben, die Krankheit, für deren Kur sie sich ausgibt.

Doch Spaß beiseite: Der Begriff Spontan-Remission suggeriert, dass die so genannten psychischen Krankheiten Prozesse seien, die sich unabhängig vom Willen des Betroffenen entwickeln und u. U. auch wieder verschwinden. Diese Suggestion ist erforderlich, weil sonst nämlich die Usurpation der Psychiatrie im Reich der Seele nicht begründet oder gerechtfertigt werden könnte.

Im traditionellen medizinischen Weltbild ist nämlich der Patient ein unwissendes, passives Objekt wissenschaftlich fundierter, aktiver ärztlicher Maßnahmen. Sein Wille ist allenfalls in Form der sog. “compliance” gefragt, also der Bereitschaft, sich ärztlichen Anordnungen willig zu beugen.

Nach meiner Erfahrung ist aber der Wille die entscheidende Dimension, die den sog. psychischen Krankheiten zugrunde liegt. Der sog. psychisch Kranke will psychisch krank sein. Die sog. psychische Krankheit ist nämlich eine Form der Bewältigung von Lebensproblemen, eine Strategie und Taktik, ein Lebensstil. Es handelt sich um einen Lebensstil, der teilweise durch psychiatrische Denkfiguren vorfabriziert wurde.

Aber er ist nicht ausschließlich eine Kreation der Psychiatrie. Viele der Verhaltensweisen, die heute in irgend ein Bündel von psychiatrischen Symptomen eingeordnet werden, beruhen auf einer Logik, die sehr leicht als Zwangsläufigkeit des Alltags durchschaut werden könnte, hinter der sich durchsichtige Interessen verbergen.

Dies wird man aber nicht durchschauen, wenn man sich das Hirn von den psychiatrischen Hirngespinsten verkleben lässt. Man muss dann schon die Rolle des Willens näher unter die Lupe nehmen. Mir ist bewusst, dass viele meiner Leser, sofern sie nicht schon längst mit dem Lesen aufgehört haben, nur noch mit dem Kopf schütteln und den Psychiatern recht geben können. Will denn der arme Schizophrene, der von Wahn und Ängsten geplagt ist, wirklich psychisch krank sein? Will denn der Alkoholiker, der gerade Ehe und Karriere zerstört, wirklich weitersaufen?  Wie viele Raucher würden gern aufhören, wenn sie nur könnten!

Ja, ich weiß. Die sog. psychischen Störungen, die ich als riskante Lebensstile bezeichne, bergen in der Tat oft mehr oder weniger stark ausgeprägte, selbstzerstörerische Tendenzen. Aber wer sagt denn, dass der Mensch nicht auch Selbstzerstörung wollen kann?

Kein Süchtiger wird mit vorgehaltenem Maschinengewehr dazu gezwungen, die Schnapsflasche zu leeren, sich die Spritze zu geben, Pillen zu schlucken. Kein Depressiver könnte in ein schwarzes Loch fallen, wenn er es nicht zugelassen hätte. Kein Schizophrener unterläge einem Wahn, wenn er sich an diesen nicht klammerte wie ein Ertrinkender an den berühmten Strohhalm.

Der Wille ist aus dem Gefüge der menschlichen Seele nicht wegzudenken. Sogar das so genannte Unbewusste, das unser Verhalten angeblich gegen unseren Willen steuert, ist ein Produkt absichtlicher Operationen, der so genannten Abwehrmechanismen. Diese sind aber gar nicht mechanisch, sondern es handelt sich um Steuerungen unserer Aufmerksamkeit, die erfolgen, weil wir vor unserer Angst kapituliert haben und nun ein Unbewusstes haben wollen.

Und so gibt es bei den so genannten psychischen Krankheiten auch keine Spontan-Remissionen. Wenn beispielsweise ein Alkoholiker das Saufen aufgibt und dabei Erfolg hat, ohne dass ihm Psycho-Experten dabei geholfen hätten, dann ist diese erfreuliche Entwicklung keineswegs eine Spontan-Remission. Daran ist nichts spontan. Vielmehr hat der Alkoholiker sich entschieden, nicht mehr zu trinken, und er hat diese Entscheidung durchgehalten. Das aber ist eine Frage des Willens.

Natürlich. Nun kommt die Frage, was denn eigentlich der Wille sei. Der Wille sei doch etwas Nebelhaftes, etwas Philosophisches, etwas naturwissenschaftlich nicht Greifbares. Demgegenüber sei alleweile die psychiatrische Sprache vorzuziehen, die ja auch neurophysiologisch unterfüttert sei. Vom Willen zu reden, hieße, ins 19. Jahrhundert oder gar ins Mittelalter zurückzufallen.

Über die Vorzüge der psychiatrischen Sprache will ich mich nicht streiten. Für kritikwürdig allerdings halte ich die psychiatrische Praxis, die mit dieser Sprache verkleidet wird. Und diese Kritik gilt nicht nur den extremen Varianten dieser Praxis, die in Form von Zwangsbehandlungen in geschlossenen Abteilungen stattfinden. Zu bemerken ist auch, dass die angeblich so erfolgreiche, vorherrschende Behandlung mit Psychopharmaka die völlige Ahnungslosigkeit hinsichtlich des menschlichen Seelenlebens verschleiert.

Ahnungslosigkeit? Hätte die Psychiatrie eine Ahnung, dann müsste sie den Schizophrenen nicht raten, lebenslang Neuroleptika zu schlucken, weil sie die Schizophrenie nicht heilen, sondern nur deren Symptome unterdrücken könnten. Hätte die Psychiatrie eine Ahnung, dann wären ihre diagnostischen Manuale mehr als nur eine Sammlung von angeblichen Symptomen von angeblichen Krankheiten ohne theoretischen und empirischen Unterbau.

Braucht die Psychiatrie eine Ahnung?

Nein, nicht wirklich. Wir alle, wir Menschen brauchen eine Ahnung, was unser Wille ist und was unsere Verantwortung.